HANSA-FLEX – Lieferzeit von 24 h bei gesenkten Beständen und Dispositionsaufwand 

Dr. Bernd Reineke

HANSA-FLEX – wie man jedes hydraulische Problem innerhalb von 24 Stunden löst und trotzdem Bestände und Dispositionsaufwand senkt

Edwin Maringka, Dr. Bernd Reineke[1]

Die HANSA-FLEX AG mit Hauptsitz in Bremen hat sich vom Ersatzteillieferanten für Schlauchleitungen zum Global Player in der Fluidtechnik entwickelt. Mit 400 Niederlassungen und 303 Service-Fahrzeugen beliefert das Unternehmen seine Kunden in 37 Ländern. Dabei fertigt und liefert HANSA-Flex über 100.000 verschiedene Artikel mit ca. 35.000 SKUs. In jeder Niederlassung finden sich ca. 3.500 Artikel. So erwirtschafteten die 3.400 Mitarbeiter der HANSA-FLEX AG in 2015 einen beachtlichen Umsatz von 410 Mio. €. Der wesentliche logistische Erfolgsfaktor der Hydraulik-Experten: Die Produkte sind „garantiert verfügbar“!

Am rechten Ort zur rechten Zeit

Diese „garantierte Verfügbarkeit“ bringt natürlich einiges an logistischen Herausforderungen mit sich, die es zu meistern gilt. So erfordert der hohe Anteil an Direktverkäufen bei einer derartig breiten Variantenvielfalt neben einer schnellen Reaktionsfähigkeit auch einen wirtschaftlichen Mix zwischen zentraler und dezentraler Lagerhaltung. Nur so lässt sich die hohe Verfügbarkeit tatsächlich garantieren.

Knackpunkt dabei ist aber, dass für die verschiedenen Niederlassungen die Bestandsstrukturen an die jeweiligen Bedarfe angepasst werden müssen. Oder anders formuliert: Die richtigen Artikel müssen in der richtigen Quantität am richtigen Ort auf Lager sein.

Drahtseilakt Disposition – Schwankungen sind kein Spaß!

Erschwerend kommt hinzu, dass im OEM-Sektor hohe Anforderungen an Qualität und Preis gestellt werden. Im Zuge dessen wurde aus wirtschaftlichen Gesichtspunkten das Global Sourcing immer weiter vorangetrieben, was allerdings mit entsprechend langen Lieferzeiten bei den Lieferanten verbunden ist. Spot orders bei schwankenden Bedarfsschwankungen sind insofern bei den Übersee Lieferanten schwer umzusetzen. Daher wurde je Warengruppe ein geeigneter Lieferantenmix (regional als auch überregional)  gewählt, um solche „Schnellschüsse“ auch abdecken zu können

Kommen dazu noch gelegentliche Extremverbräuche seitens der Kunden, wird der Drahtseilakt zwischen der geforderten garantierten Verfügbarkeit und der gewünschten wirtschaftlichen Lagerhaltung noch ein wenig spannender – vor allem für die Einkäufer und Disponenten!

Geht man davon aus, dass jeder Einkäufer ca. 4.000 Artikel zu disponieren hat und dabei die Lieferbereitschaft möglichst hoch und die Kapitalbindung möglichst gering halten soll, versteht man das Dilemma.

Leider gibt es noch weitere Faktoren, die das Drahtseil noch ein wenig mehr ins Schwanken bringen, denn die Disposition über eine so große Artikelzahl hat ihre Tücken:

  • die schlechte Qualität der Bedarfsprognose,
  • mangelnde Stammdatenqualität, die manuell kaum in den Griff zu bekommen ist.

Disposition hat oft zu wenig Zeit für zu viele Aufgaben

Die Konsequenz daraus: Falsche Bestellvorschläge des ERP-Systems, die die Disponenten dann manuell korrigieren mussten.

Also musste eine angepasste (differenzierte) Einstellung der Dispo-Stammdaten her, die essenziell für den Erfolg einer umfassenden Dispositionsstrategie ist.

Dabei galt es aber zu berücksichtigen, dass auch die Losgrößen/Bestellmengen abhängig von den Prozesskosten je Bestellung sind und ebenfalls in Abhängigkeit vom Wert/Verbrauchsverhalten des Artikels eingestellt werden sollten.

Aber wie soll ein Disponent diese Einstellung bei 4.000 Artikel regelmäßig vornehmen und dabei noch Zeit für strategische Aufgaben finden?

Ganzheitlichkeit bringt Ruhe in den Drahtseilakt

Es wurde schnell klar, dass ein ganzheitliches Bestandsmanagement entwickelt und aufgebaut werden muss, denn nur so konnten die folgenden Meilensteine auf dem Weg zur garantierten Verfügbarkeit bei gleichzeitig geringen Bestandskosten erreicht werden:

  • Entlastung der Disponenten bei der Stammdatenpflege,
  • Erhöhung der Prognosegenauigkeit,
  • Glättung der schwankenden Bedarfe,
  • Unterstützung der Disponenten durch bessere Datenqualität,
  • Verständnis von Vertrieb und Vorstand bei Stock-Outs,
  • Entwicklung einer differenzierten Dispositionsstrategie,
  • Bessere Transparenz entlang der Supply Chain.

Ein wichtiger Bestandteil des ganzheitlichen Bestandsmanagements ist die differenzierte Dispositionsstrategie, die gemeinsam mit den SCM- und Bestandsmanagement-Spezialisten der Unternehmensberatung Abels & Kemmner GmbH entwickelt wurde.

Hierbei hat man sich an dem Alleinstellungsmerkmal „garantierte Verfügbarkeit“ orientiert. Klares Ziel war, dass auch mittel und stark schwankende Artikel eine hohe Lieferfähigkeit im Zentrallager haben müssen. Im Umkehrschluss bedeutete das aber, dass die Verfügbarkeit strategisch wichtiger als die Bestandskosten ist!

Automatische Dispoparameterpflege hilft dem ERP-System auf die Sprünge

Zentrales Instrument des neuen Bestandsmanagements bei HANSA-FLEX wurde das APS-System DISKOVER SCO der SCT GmbH, das den Beratern von Abels & Kemmner als Analyse und Optimierungstool diente und den Disponenten bei HANSA-FLEX zukünftig als „Planungsengine“ unter die Arme greifen sollte.

Dabei ermittelt und aktualisiert DISKOVER laufend die Absatzprognosen, die an SAP übergeben werden, wobei es anhand eines speziellen Algorithmus frühzeitig Ausreißerbedarfe erkennt.

Weiterhin optimiert DISKOVER täglich automatisch die Dispositionsparameter im SAP-System, so dass die Disponenten von dieser Aufgabe entlastet sind. Anhand der neuen Plandaten errechnet SAP nun die Bestellanforderungen und stellt den Einkäufern täglich eine Liste der zu beschaffenden bzw. umzuterminierenden Artikel bereit. Begleitet wird das neue Bestandsmanagement durch eine intensive Schulung der Anwender.

Das Zwischenergebnis kann sich sehen lassen:

Bei gleichbleibender Lieferfähigkeit und 15% weniger Dispositionsaufwand konnten die Bestände um 8 Mio. €  gesenkt werden.

Derzeit wird weiterhin konsequent an der weiteren Optimierung der Parameter und Strategien gearbeitet, um beharrlich weitere Potenziale zu erschließen, die HANSA-FLEX sich zu Recht nicht entgehen lassen will!


[1] Edwin Maringka ist Leiter Einkauf der HANSA-FLEX AG


Dr. Bernd Reineke

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Dr. Reineke promovierte im Maschinenbau und verantwortete zunächst 10 Jahre in der Industrie die Bereiche Logistik, Planung, Disposition, Entwicklung und IT. Er berät seither Unternehmen mit den Schwerpunkten SCM, Produktionssteuerung, IT-Optimierung und Bestandsmanagement. Die Ergebnisse seiner Projekte wurden bereits mehrfach ausgezeichnet.

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