Wofür Prognosen und Sicherheitsbestände, wenn die Auftragsbücher voll sind? 

Dr. Bernd Reineke

Bereits in mehreren Fällen wurde ich aktuell mit der Frage konfrontiert, wozu denn Prognosen einsetzen, wenn doch die Auftragsbücher für die nächsten zwei Jahre gefüllt sind. Mit dem genauen Wissen über die Zukunft kann man doch auf Prognosen und Sicherheitsbestände verzichten. Die Stücklistenauflösung rechnet exakt aus, welche Komponenten und Baugruppen in welchen Mengen zu welchen Terminen benötigt werden. Das hat man sich schon immer so gewünscht!

Diese Denkweise ist fatal und führt zu folgenden Fehlhandlungen:

  • Sicherheitsbestände werden zurückgefahren oder komplett reduziert
  • Die Vorplanungen auf Erzeugnisebene aber auch bei Komponenten und Baugruppen werden gelöscht
  • Verbrauchssteuerung wird umgestellt auf bedarfsgesteuerte Produktion

Das wird passieren:

  • Es werden Terminzusagen auf Basis des exakt durchgerechneten Plans getätigt
  • Die Realität schlägt zu: es treten Störungen auf, z.B. durch Lieferverzögerungen der Lieferanten, Maschinenstörungen, Personalmangel durch Krankheit und Kündigungen
  • Produktionsaufträge können nicht gefertigt werden, da Material fehlt
  • Durch fehlende Sicherheits- bzw. Pufferbestände besteht keine Flexibilität, andere Produktionsaufträge vorzuziehen
  • Maschinenstillstände treten auf, wertvolle Produktionskapazität geht verloren
  • Es entstehen Rückstände auf allen Ebenen
  • Planer, Disponenten und Fertigungssteuerer zermürben sich, um die Situation irgendwie zu retten
  • Zugesagte Termine werden nicht gehalten, Kunden werden unzufrieden und äußern ihren Unmut
  • Man versucht nach Rückstand und Wichtigkeit der Kunden zu priorisieren
  • Es werden Allocationprozesse aufgesetzt, um die Ware bestmöglich zu verteilen
  • Steigende Kosten, sinkende Margen belasten das Unternehmensergebnis
  • Etc.

Ich wünsche niemandem, in diese Falle zu geraten. Sollten Sie sich mit dem Gedanken tragen, Ihre Bevorratungsstrategien zu verändern, prüfen Sie, welche Flexibilität erforderlich ist. Flexibilität benötigen Sie, um Störungen abzufedern und zu überbrücken.

Dimensionieren Sie Ihre Pufferbestände unter anderem nach den zu überbrückenden Zeiträumen in Engpasssituationen.

Gerne diskutieren wir mit Ihnen, welche weiteren Einstellungen für die notwendige Flexibilität erforderlich sind.

Mit besten Grüßen
Bernd Reineke


Dr. Bernd Reineke

Autor | Author

Dr. Reineke promovierte im Maschinenbau und verantwortete zunächst 10 Jahre in der Industrie die Bereiche Logistik, Planung, Disposition, Entwicklung und IT. Er berät seither Unternehmen mit den Schwerpunkten SCM, Produktionssteuerung, IT-Optimierung und Bestandsmanagement. Die Ergebnisse seiner Projekte wurden bereits mehrfach ausgezeichnet.

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