Kurz und bündig: Fill Rates 

Prof. Dr. Andreas Kemmner

Fill Rate ist ein alternativer Begriff für Lieferbereitschaft. Während im Deutschen vor allem der Begriff Lieferbereitschaft verwendet wird, wird im Englischen eher von Fill rate gesprochen. Dabei ist zwischen Unit Fill Rates, Item Fill Rates, Line Fill Rates und Order Fill Rates zu unterscheiden.

Die Kennzahl Unit Fill Rate misst die Effektivität der Erfüllung von Lagerbestandseinheiten (Units) auf Anfrage. Sie gibt den Prozentsatz an, welcher Anteil der nachgefragten Einheiten tatsächlich aus dem Lagerbestand geliefert werden konnte. Wenn beispielsweise 100 Einheiten eines Produkts angefordert werden, beträgt die Unit Fill Rate 95%, wenn 95 Einheiten sofort verfügbar sind.

Die Line Fill Rate bezieht sich auf die Anzahl der Bestellzeilen (Auftragspositionen) in einer Bestellung, die vollständig erfüllt werden können.  Wenn eine Bestellung fünf Auftragspositionen enthält (fünf Bestellzeilen) und vier Bestellpositionen in den gewünschten Mengen geliefert werden können, beträgt die Line Fill Rate 80%.

Von der Unit Fill Rate deutlich zu unterscheiden ist die Item Fill Rate. Sie misst den Prozentsatz der nachgefragten lagerhaltigen Artikel (SKU- stock keeping units), die über Lagerbestand verfügen. Im Gegensatz zur Unit Fill Rate, die je Artikel die verfügbare Menge zur nachgefragten Menge in Beziehung setzt, fragt die Item Fill Rate nur danach, welcher Prozentsatz an SKU aktuell Bestand aufweist. Ob von diesem Artikel 1 Stück oder 100 Stück auf Lager liegen bzw. die Nachfrage nach einem Artikel „0“ oder „unendlich“ beträgt, spielt dabei keine Rolle. Verfügen von 1000 lagerhaltigen Artikeln 980 über Bestand, beträgt die Item Fill Rate 98%.

Die Order Fill Rate letztlich gibt an, welcher Prozentsatz der Kundenbestellungen vollständig bedient werden kann. Ob eine Kundenbestellung dabei nur eine Auftragsposition oder 1000 umfasst, wird nicht berücksichtigt. Wobei verständlicherweise die Order Fill Rate umso schlechter wird, je höher die durchschnittliche Zahl der Auftragspositionen der Kundenbestellungen ist. Können 63 von 100 Kundenbestellungen vollständig ausgeliefert werden, beträgt die Order Fill Rate 63%.

Fill Rate ist ein alternativer Begriff für Lieferbereitschaft. Es gibt vier verschiedene Fill Rates, die in dieser Mindmap dargestellt sind.

Unser Tipp:

Eine saubere statistische Einstellung der Lieferbereitschaft lässt sich nur auf der Ebene der Unit Fill Rate erreichen. Das ist auch die Kennzahl, die als Sollwert der Lieferbereitschaft eines lagerhaltigen Artikels in den Materialstammdaten vieler ERP-Systeme hinterlegt wird.

In vielen Branchen spielt die Item Fill Rate trotzdem eine große Rolle, wenn die anderen Arten von Fill Rates nicht berechnet werden können. Bei Onlineshops oder im Einzelhandel ist die genaue Nachfragemenge nach Artikeln nicht bekannt. Kunden, die in einem Einzelhandelsgeschäft ein Produkt nicht finden oder nicht in der gewünschten Menge vorfinden, melden ihren Bedarf zumeist niemandem. Ebenso ist bei Onlineshops nur schwer zu erkennen, ob Kunden konkreten Bedarf an einem Artikel haben, den sie sich anzeigen lassen oder sich „nur mal umsehen“, wie dies auch die Kunden einer Boutique häufig tun. Ist keine Nachfrage nach Artikelmengen, Auftragspositionen oder Kundenaufträgen ermittelbar, bleibt als Messgröße nur, den Prozentsatz der lagerhaltigen Artikel mit Bestand auszuwerten.

Während aus empirischen Daten ein grober statistischer Zusammenhang zwischen Unit Fill Rate, Line Fill Rate und Order Fill Rate ermittelt werden kann, lässt sich eine Item Fill Rate nicht in einen statistischen Bezug zu den anderen Fill Rates setzen.

Unsere Leistungen zur Verbesserung der Lieferbereitschaft.


Prof. Dr. Andreas Kemmner

Autor | Author

Prof. Dr. Kemmner ist Co-CEO der Abels & Kemmner Group und hat in 30 Jahren Beratertätigkeit in Supply Chain Management und Sanierung weit über 200 nationale und internationale Projekte durchgeführt und war über 10 Jahre der einzige öffentlich bestellte Sachverständige für die Wirtschaftlichkeitsbeurteilung von Industriebetrieben in Deutschland. 2012 wurde er von der WHZ zum Honorarprofessor für Logistik und Supply Chain Management bestellt. Die Ergebnisse seiner Projekte wurden bereits mehrfach ausgezeichnet.

Weitere Beiträge | READ MORE